Freie Rollenspiele und viele andere aus der Indieszene (und selbst aus der Forschung und sonstigen idealistischen Projekten1 [1]) haben hierzulande mit einem sehr deutschen Problem zu kämpfen: „Der will ja nur Geld machen“.
Meist als Qualitätsaussage: Dem geht es gar nicht um das Rollenspiel. Es geht ihm nur um Geld.
Das Problem an dieser Sicht: Wer sich wirklich für das Rollenspiel interessiert, das er oder sie schreibt, sollte einen Weg suchen, Vollzeit daran arbeiten zu können. Und dafür müssen Menschen Geld verdienen.2 [2]
Er oder sie sollte also „Geld machen“ (nur eben nicht „nur“; aber wenn es ein „nur“ wäre, gäbe es viel einfachere Wege als das Schreiben von Rollenspielen oder in die Forschung zu gehen, also können wir das „nur“ getrost weglassen).
Aber sowohl in Rollenspielen als auch anderen Indies wird „Geldmacherei“ als negativ angesehen, so dass der Schritt vom Hobby zum Beruf sehr schwer ist, solange man sich nicht auf ausgetretenen Pfaden bewegt. Entsprechend gibt es trotz einer starken Szene nur sehr schwache alternative Strukturen.
Statt zu meckern, sollten wir jubeln, wenn ein Verlag eine Reihe herausbringt, für die tausende Leute gerne viel Geld ausgeben. Das würde den Weg in den Massenmarkt öffnen und großen Verlagen Lust auf Rollenspiele machen.
Stattdessen jammern wir über Geldmacherei, kaufen das Buch aber trotzdem. Es war sein Geld also wohl wert und wir hätten eigentlich nichts zu jammern. Aber gejammert wird trotzdem.
Um festzustellen, ob es für uns sinnvoll ist, jemandem Geld zu geben, gibt es eine einfache Frage: „Will er oder sie mit dem Geld etwas aufbauen, das ich gut finde?“
Denn wenn wir von ihm oder ihr kaufen, fördern wir sein oder ihr Projekt.
Leider bin auch ich nicht immer vor der Unart gefeiht, Sachen zu schnell als Geldmacherei abzustempeln. Ich bin aber sehr froh, dass die Leute vom Foebud mir die Augen geöffnet haben [3], so dass ich mich dabei erwische und umstellen kann. Freie Lizensierung ermöglicht dabei die Verbindung von Idealismus und finanziell sinnvollem Handeln, weil sie eine grundlegende Ethik aufbaut.
Einziges prinzipielles Problem am Geld machen: Es schließt diejenigen aus, die wenig Geld haben. Durch PDF+Luxusversion (oder Softcover vs. Hardcover) würde sich das aber lösen lassen. Da Freie Lizensierung immer die freie Weitergabe ermöglicht, löst sie es auch.
Einziges Problem für Rollenspiele: Wenn das verdiente Geld nicht wieder in Rollenspiele gesteckt wird, sondern anderes damit gefördert wird. Aber das passiert meist eher umgekehrt: Das Geld aus anderen Bereichen fließt in das Rollenspiel. Also haben wir auch das nicht wirklich zu fürchten.
Abschließende Frage: Es gab Umfragen: „Was wollt ihr?“. Ergebnis: Hardcover. Daher ist fast alles Neue ein Hardcover. Hat irgendwer gefragt: „Was kaufen Neulinge?“ (Antwort: Offensichtlich nicht - oder nicht laut genug… Beispiel: Auch ich habe mit einer Starter-Box angefangen)
→ leicht angepasste Version meines Beitrags [4] auf Tanelorn – zur Frage, warum es so wenig deutsches Material auf Onlineplattformen gibt. Hinweis dazu: Das EWS (1w6-Regeln) [5] darf jede verkaufen, solange sie die GPL einhält [6]. Es soll es Leuten erleichtern, sich zu professionalisieren.
PS: Ein Weg, um die Notwendigkeit Geld zu verdienen zu entfernen, wäre das bedingungslose Grundeinkommen. Aber selbst da braucht man Geld für Infrastruktur und Investitionen, das irgendwer mit irgendwas verdienen muss. Und der schönste Weg, es zu verdienen, ist dass Leute einem das Geld direkt für die Arbeit am Projekt geben.
PPS: Eine Einschränkung [7]: “Don't start by trying to raise funds for the activity. Start by doing the activity, and then funds may come. And if they don't, at least you will be doing some of the job rather than getting nowhere.”
PPPS: Wenn jemand Geld mit PR für BP verdient, dann ist das einfach ein Job. Wenn jemand mit freier Musik Geld verdient, ist das Geldmacherei… Unfug. Wer die Welt verbessern will, sollte leichter an Geld kommen als jemand, der hilft sie zu zerstören.
Ein weiteres Beispiel für problematische Finanzierungsfeindlichkeit: Ich habe in den Gentoo-Foren angeregt [8], dem Gentoo e.V. beizutreten, damit die Weiterentwicklung direkt aus der Gemeinschaft der Gentoo Nutzenden finanziert werden kann — und damit in unserem Interesse stattfindet. Die Antworten gingen von „wenn ich sie bezahle, wie sorge ich dafür, dass die machen, was ich will?“ über „das muss aber richtig gemacht werden“ und „das darf nur über das Council gehen“ bis „die könnten uns dominieren“ (obwohl es schon längst von Firmen bezahlte Entwickler gibt). In fast 100 Forenbeiträgen wurde zerredet, dass es grundlegend darum ging, Leuten, die bisher ihre Freizeit für Gentoo aufwenden, zu ermöglichen, das in Vollzeit weiterzuführen. ↩ [9]
Hier war mal Flattr, das jetzt leider tot ist. Lizenz: GPLv3 [6] (was ist Flattr? [10]) ↩ [11]
Links:
[1] http://1w6.rakjar.de/book/export/html/409#fn:gentoo
[2] http://1w6.rakjar.de/book/export/html/409#fn:wert
[3] http://chaosradio.ccc.de/cre140.html
[4] http://tanelorn.net/index.php/topic,57323.msg1162920.html#msg1162920
[5] http://1w6.rakjar.de/deutsch/regeln/quellen
[6] http://1w6.rakjar.de/deutsch/anhang/freies-rollenspiel
[7] http://draketo.de/über-mich/zitate-sprueche-und-mehr#start-active
[8] https://forums.gentoo.org/viewtopic-t-984580-highlight-.html
[9] http://1w6.rakjar.de/book/export/html/409#fnref:gentoo
[10] http://1w6.rakjar.de/blog/drak/2010-06-10-flattr-auf-1w6
[11] http://1w6.rakjar.de/book/export/html/409#fnref:wert